Zahngesundheit

Zahngesundheit


Die Zähne eines Pferdes sind das Fundament seiner gesamten Gesundheit, Rittigkeit und Lebensfreude. Während wir Menschen bei Zahnschmerzen sofort zum Hörer greifen, sind Pferde als Fluchttiere Meister darin, Schmerzen so lange wie möglich zu verbergen. Ein schlechtes Gebiss zeigt sich oft erst dann, wenn Probleme beim Reiten auftreten oder der Kropf schon halb gefüllt wieder ausgespuckt wird.

In diesem umfassenden Leitfaden erfahrt ihr alles über die Anatomie des Pferdemauls, Anzwichen füe Zahnprobleme, den Ablauf einer Zahnbehandlung und die optimalen Intervalle für den Pferdedentalpraktiker.

Die Besonderheit des Pferdegebisses

Um zu verstehen, warum Zahnpflege bei Pferden lebensnotwendig ist, lohnt sich ein Blick auf die Natur: Das Pferdemaul ist ein hochspezialisiertes Werkzeug zum Zerkleinern von kieselhaltigem, hartem Gras.

Dauerhaft nachwachsende Zähne.

Pferdezähne gehören zu den sogenannten hypsodonten Zähnen. Das bedeutet, sie haben eine extrem lange Zahnkrone, die tief im Kieferknochen verankert ist.

Der Zahn wächst nicht im klassischen Sinne ewig nach, sondern schiebt sich im Laufe des Lebens kontinuierlich aus dem Kiefer heraus, etwa 2 bis 3 mm pro Jahr.

Durch das mahlende Kauen von Raufutter nützen sich die Zähne im gleichen Maße ab.

Unterkiefer schmaler als Oberkiefer.

Der Unterkiefer des Pferdes ist etwa 20 bis 25 % schmaler als der Oberkiefer. Kauen Pferde, tun sie das in einer kreisenden Achterbewegung. Wird dieses Kauen durch zu wenig Raufutter, falsches Futter, z. B. zu viele Pellets oder Fehlstellungen eingeschränkt, reiben sich die Zähne nicht gleichmäßig ab.

Die Folge sind scharfe Schmelzkante.

Am Oberkiefer bilden sich die Kanten außen zur Backe hin.

Am Unterkiefer entstehen die Kanten innen zur Zunge hin.

Diese Kanten schneiden bei jedem Kauschlag wie kleine Messer in die empfindliche Mausschleimhaut oder die Zunge.

Der Lebenszyklus der Pferdezähne

Ein ausgewachsenes Pferd besitzt je nach Geschlecht zwischen 36 und 44 Zähne.

Fohlen werden oft schon mit den ersten Milchzähnen geboren oder bekommen diese in den ersten Lebenswochen. Der Zahnwechsel ist eine Hochphase für das Pferd und erstreckt sich vom 2,5. bis zum 5. Lebensjahr.

Hengst / Wallachzähne, Haken oder Canini-Zähne stehen im lückenlosen Bereich zwischen Schneide und Backenzähnen. Hengste und Wallache besitzen meist 4 davon; bei Stuten fehlen sie häufig oder sind nur unvollständig oder nur in ersten Ansätzen vorhanden.

Wolfszähne sind kleine, verkümmerte Reste der Evolution. Sie sitzen direkt vor den ersten Backenzähnen im Ober oder Unterkiefer. Da an dieser Stelle das Gebiss/die Trense anliegt, führen sie oft zu massiven Rittigkeitsproblemen und werden meist vorsorglich entfernt.

Seniorpferde ab etwa 20 Jahren ist der Zahnvorrat im Kiefer aufgebraucht. Die Zähne werden kürzer, die Wurzeln schwinden, und Zähne können ausfallen.

Auswirkungen auf die Gesundheit: Warum gesunde Zähne über Leben und Wohlbefinden entscheiden

Zahnprobleme sind kein lokales Problem im Maul, sie wirken sich auf den gesamten Organismus aus.

Die Verdauung beginnt im Maul

Das Pferd ist ein Rohfaserverwerter. Die Nahrung muss durch die Backenzähne zermahlen werden, um die Zellwände der Pflanzen aufzubrechen. Nur so können Mikroorganismen im Blinddarm und Dickdarm die Nährstoffe aufschließen.

Kolikgefahr: Werden Halme nicht ausreichend zerkleinert, bilden sich im Darm Futterballen. Dies ist eine der Hauptursachen für schmerzhafte Anschoppungskoliken.

Gewichtsverlust & Mangelernährung: Ein Pferd mit Zahnproblemen kaut schlechter, frisst langsamer oder vermeidet die Raufutteraufnahme komplett. Es magert ab, verliert Muskelmasse und entwickelt ein stumpfes Fell.

Schlundverstopfung:Nicht ausreichend gekautes Futter kann in der Speiseröhre stecken bleiben.

Die Verbindung zum Bewegungsapparat

Das Pferdemaul ist über Nervenbahnen, Muskelketten und das Genick direkt mit der gesamten Oberlinie des Pferdes verbunden.

Wenn ein Pferd wegen einer schmerzhaften Schmelzkante den Kiefer festmacht, kann es im Genick nicht mehr nachgeben.

Die Festigkeit wandert über den Rücken bis in die Hinterhand.

Viele Taktfehler, Unwilligkeit beim Reiten oder Schiefen haben ihre Ursache nicht in den Beinen, sondern im Gebiss.

Anzeichen für Zahnprobleme beim Pferd

Pferde leiden meist stumm. Dennoch gibt es klare Warnsignale, bei denen sofort der Zahnarzt gerufen werden sollte:

Beim Fressen:

Pfropfenbildung "Wickelkauen": Das Pferd spuckt zusammengepresste Heuballen aus, weil es sie nicht zerkauen kann.

Langsames Kauen oder Ausfallenlassen von Kraftfutter aus dem Maul.

Schiefe Kopfhaltung beim Fressen oder Tränken.

Unverdautes Futter im Kot: Ganze Haferkörner oder Heuhalme, die länger als 2 cm sind.

Mundgeruch oder eitriger Nasenausfluss, oft Zeichen einer Zahnwurzelentzündung, die in die Kieferhöhle durchgebrochen ist.

Beim Reiten:

Verwerfen im Genick, Kopfschütteln.

Gegen die Hand drücken, auf dem Gebiss festbeißen oder das Gebiss komplett verweigern.

Steigen, Buckeln oder plötzliches Losrennen beim Annehmen der Zügel.

Zungenfehler, die Zunge wird über das Gebiss oder seitlich herausgestreckt.

Wie oft muss das Pferd zum Zahnarzt?

Die Frequenz der Zahnkontrolle hängt stark vom Alter und dem individuellen Gebisszustand ab.

Altersgruppe

Empfohlenes Intervall

Grund

Fohlen & Absetzer

1x nach der Geburt / im 1. Jahr

Kontrolle auf Fehlstellungen (z. B. Karpfen- oder Hechtgebiss).

Jungpferde (2,5 – 5 Jahre)

Alle 6 Monate

Phase des Zahnwechsels; Kontrolle auf Milchkappen, Wolfszähne und Durchbruchsstörungen.

Erwachsene Pferde (5 – 18 Jahre)

1x pro Jahr

Routinemäßige Kontrolle, Raspeln von Kanten und Korrektur kleinerer Fehlstellungen.

Senioren (ab 18–20 Jahre)

Alle 6 bis 12 Monate

Zähne werden locker, Wellen- oder Treppengebiss entsteht; Vorbeugung von Entzündungen.

Wer darf behandeln? Pferdedentalpraktiker vs. Tierarzt

In Deutschland und vielen Teilen Europas ist die Berufsbezeichnung "Pferdezahnarzt" rechtlich nicht geschützt. Wenn Sie Ihr Pferd behandeln lassen, sollten Sie auf folgende Qualifikationen achten:

Tierärzte mit Zusatzbezeichnung Zahnheilkunde, haben ein Tiermedizinstudium absolviert und dürfen Medikamente, Sedierung, und Schmerzmittel spritzen sowie auch operative Eingriffe durchführen.

Geprüfte Pferdedentalpraktiker, z. B. nach IGDP oder PDP, Spezialisten, die eine fundierte Ausbildung für die Zahnbehandlung durchlaufen haben. Sie arbeiten bei Bedarf oft mit einem Haustierarzt zusammen, der die Sedierung übernimmt.

Der Ablauf einer Zahnbehandlung: Was wird gemacht?

Eine professionelle Zahnbehandlung dauert in der Regel 30 bis 60 Minuten und läuft sehr strukturiert ab.

Anamnese und Voruntersuchung

Der Behandler erkundigt sich nach den Fressgewohnheiten, Rittigkeitsproblemen und Vorerkrankungen. Anschliessend wird der Kopf von außen abgetastet, Kiefergelenke, Muskeltonus, Symmetrie.

Die Sedierung

In den meisten Fällen ist eine leichte Sedierung ratsam und für das Pferd stressfreier.

Unter Sedierung entspannt sich die Kiefermuskulatur vollständig.

Der Behandler kann das Maul gefahrlos bis zu den hintersten Backenzähnen untersuchen.

Das Verletzungsrisiko für Pferd und Mensch wird minimiert.

Einsetzen des Maulsperrers und gründliche Untersuchung

Ein sogenanntes Gag, Maulsperrer, wird eingesetzt, um das Maul offen zu halten. Mit einer starken Stirnlampe, einem Zahnspiegel oder einer Endoskop-Kamera wird jeder einzelne Zahn ins Auge gefasst und mit einer Sonde abgetastet.

Die eigentliche Behandlung

Je nach Befund kommen Handraspeln oder elektrische Diamantraspeln zum Einsatz:

Schmelzkanten raspeln: Die scharfen Kanten an Ober und Unterkiefer werden abgerundet.

Haken und Stufen entfernen: Überstehende Zahnteile, die das Gleiten des Kiefers blockieren, werden gekürzt.

Wolfszähne ziehen: Wenn vorhanden und störend, werden diese unter lokaler Betäubung entfernt.

Schneidezahnkorrektur: Wenn die Schneidezähne schief abgenutzt sind, wird der Winkel angepasst, damit die Backenzähne wieder gleichmäßig aufeinandertreffen.

Behandlung von Diastemata: Futterlücken zwischen den Zähnen werden gereinigt und bei Bedarf versiegelt, damit sich das Zahnfleisch nicht entzündet.

Fazit

Zahngesundheit ist keine reine Ästhetik oder ein Luxus für Sportpferde, sondern eine Grundvoraussetzung für ein schmerzfreies Pferdeleben. Ein regelmäßiger Check-up durch einen qualifizierten Pferdedentalpraktiker oder Tierarzt spart nicht nur hohe Tierarztsummen für Folgeerkrankungen wie Koliken, sondern sichert auch das Wohlbefinden Ihres Pferdes unter dem Sattel und im Stall.



 

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